Biographie
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Die Maßnahme

Abends ich stehe an unserem kleinen Bahnhof. Ich habe alles dabei, meinen Rucksack, meine warme Jacke, Geld, Wasser, Zigaretten, Make-up gegen dunkle Augenringe.
Es ist eine kalte Nacht. Sie frisst sich durch meine Jeans und sticht mir in die Zehen. Neonlicht erhellt den Bahnsteig, dort hinten, wo die Bäume anfangen, scheint die Dunkelheit greifbar zu sein.

Morgen früh werde ich ankommen, im Morgennebel der Stadt beim Aufwachen zuschauen.
Deiner Stadt. Ich fahre zu dir, in der Hoffnung auf eine Fortsetzung oder ein Ende.
Ich wundere mich nicht, ich vermisse dich nicht wirklich. Du bist ein Relikt aus der Vergangenheit, eingemeißelt in die sich ständig erneuernde Gegenwart.
Nachts Zug fahren ist wie ein Traum, müde folgen meine Augen den verlorenen, fremden Lichtern in der Landschaft, oben glänzen die Sterne, unten blitzende Punkte, ich rase durch einen nächtlichen Ozean, auf dem Grund wurden Schienen verlegt, dort unten gibt es Fische, die leuchten.
Mit mir im Abteil sitzt die Einsamkeit. Ich habe sie erst nach einiger Zeit entdeckt, ein paar Reihen vor mir. Sie stört mich nicht, ich bin weder froh noch traurig über ihre Anwesenheit.
Die Einsamkeit fährt schwarz heute nacht. Oder hat sie ein Dauer-Ticket für diese Strecke? 
Ich kann nicht lesen oder Musik hören, ich möchte dem Rattern des Zuges zuhören und an nichts denken. Der Schaffner kommt und bittet mich um mein Ticket. Seine unpassend laute Stimme macht mich wach. Wieso spricht er bloß so laut, er ist doch Nacht-Schaffner mit einer dunkelblauen Uniform.
Im großen erleuchteten Bahnhofsgebäude ist schon Tag, Leute hetzen an mir vorbei, Reisende wie ich trinken Kaffee an Stehtischen. Lautsprecheransagen hallen durch die Luft. Ich brauche Ruhe, um anzukommen. Ich kaufe mir eine Telefonkarte und verlasse den Bahnhof in Richtung City.
Der Morgennebel liegt tatsächlich noch über der Stadt, es ist diesig und die Straßenlaternen verströmen trostloses Licht.
In einem Bistro, ein paar Straßen weiter, lege ich meinen Rucksack auf den Stuhl neben mir und schaue aus dem Fenster. Es ist ein großes Fenster, ich sitze hier wie eine unfrisierte Schaufensterpuppe. Unruhig wackele ich mit meinen Zehen und bestelle Kaffee. Oder doch lieber Tee? Scheiß drauf, ich bestelle Kaffee. Und Zigaretten, die es bei uns nicht gibt. Sie schmecken alt und muffig, ich muss würgen.
Ein Mann bleibt auf dem Bürgersteig stehen. Er hat ein Hasenkostüm an, die Ohren hängen herab. Er steht ganz nah vor mir, ich kann die kleinen Wassertropfen auf seinem Polyesterfell sehen. Nur die Fensterscheibe trennt uns. Ich hauche sie an, male ein lachendes Mondgesicht auf das Glas. Kurz sieht der Mann mich an, mit verwirrten, müden Augen und geht weiter.
Ein verirrter Hase, er ist wohl letzte Nacht zu viel mit dem Igel um die Wette gelaufen und findet seinen Wald nicht wieder.
Auf der Toilette des Bistros mache ich mich frisch. Müde sehen auch meine Augen aus, aber nicht verwirrt. Ich habe ja ein  Ziel.
Und doch spüre ich diese leichte Unsicherheit. So hat es erst recht keinen Sinn länger zu warten, ich habe keine Lust, mich nervös durch eine fremde Stadt treiben zu lassen, in der die Läden noch zu sind, und die Menschen aufstehen um schlaftrunken zur Arbeit zu gehen. Ganz normaler Alltag, nur dass ich nicht Teilnehmer, sondern Zuschauer bin. Ein paar Schritte weiter entdecke ich eine Telefonzelle. Als ich mein Adressbuch aufschlage, beginnt es dicke Tropfen zu regnen. Sie fallen auf deinen Namen, schwarze Tinte läuft über die Seite.
Du gehst nicht ans Telefon. Ich lasse lange klingeln, auch deine Mailbox ist nicht eingeschaltet. "ich warte auf deinen Anruf", hattest du gesagt. Während wir telefonierten, saß ich vor meinem Spiegel, schaute mir selber in die Augen und fand nichts, woran ich mich festhalten konnte, bis du versprachst: "Du kannst mich jederzeit anrufen"
Ich wundere mich über mich selber denn ich bin nicht überrascht. Zu unreal kommt es mir vor, dich zu treffen. Die Situation enttäuscht mich nicht, nur du, von dir hätte ich das nicht erwartet.
Ich gehe in ein Museum. Es gibt eine Ausstellung von Paul Klee. Ein durchtrainierter, großer Mann mit Glatze und engem T-Shirt macht eine Führung. Er sieht aus wie ein Animateur aus einem Feriencamp. Die alten Damen hängen ihm an den Lippen. Paul Klees Bilder gefallen mir gut, im Museums-Shop kaufe ich ein paar Postkarten. Im Eingangsfoyer des Museums gibt es ein Kartentelefon. Mein Herzklopfen sagt mir, dass ich noch Hoffnungen habe. Doch wieder erreiche ich dich nicht. Wieder nur die Eintönigkeit der Freizeichen, teilnahmslose Morsezeichen, Signale mit der einzigen Aufgabe, die Vergeblichkeit des Moments anzuzeigen.
Ich brauche eine halbe Stunde um zum Bahnhof zurückzugehen. Ich denke nur das eine immer wieder: Meine Gewissheit besteht aus drei Teilen, jeder Anruf lässt sie um ein Drittel wachsen.
Meine Gewissheit ist nüchtern wie Mathematik.
Der letzte Anruf am Bahngleis lässt die Rechnung aufgehen.
Nur fünf Stunden nach meiner Ankunft sitze ich wieder im Zug, diesmal fahre ich nicht in die Nacht, sondern in den Tag hinein.
Diese Fahrt ist nicht verwunschen. Ich bin ein kleiner Punkt auf einer Landkarte, auf dem Weg von A nach B. Das Abteil ist halb gefüllt, Leute reden, essen, schlafen. Ein Baby schreit. Mit nüchterner Selbstverständlichkeit  rast der Zug durch die Landschaft. Der Schaffner ist laut aber freundlich. Ich habe alles dabei, Geld, Wasser, Zigaretten. Einmal denke ich, es fehlt etwas, schnell schaue ich nach, taste meine Taschen ab. Es ist alles da.
Deine Entschuldigung kam am nächsten Tag per E-Mail. Ich habe dir nicht geantwortet. Ich bin dir nicht böse, meine wachsende Gleichgültigkeit legt sich besänftigend über jedes heftige Gefühl.
Heute in der Straßenbahn strich ein bekannter Dufthauch an mir vorbei, ich las weiter in meiner Zeitung, ohne aufzuschauen. Zum ersten Mal nach langer Zeit drehte ich mich nicht hastig um, dein Bild vor Augen und in mir, nur um in ein fremdes Gesicht zu blicken. Ein Duft wie jeder andere, eine Erinnerung wie jede andere.
Ich bedauere diese Teilnahmslosigkeit, denn mit ihr kommt das Vergessen. Die Momente mit dir möchte ich aufbewahren wie Fotos,  meine Teilnahmslosigkeit möchte ich austauschen gegen klarsichtigen Frieden mit dem Gestern.
Dein Name in meinem Adressbuch ist unleserlich. Aber deine Telefonnummer weiß ich noch immer auswendig. 

 


Identität ist sterblich


Oma bietet dem Deutschen der mein Vater ist ein bière an. Sie hat es extra für ihn eingekauft, der Kühlschrank ist voll davon.
Den Wein vom Winzer nebenan nimmt er mit nach Hause, romantisch verstaubte Flaschen ohne Etikett. Hier in Frankreich ist er verpflichtet zum deutsch-sein.
Nach dem Essen raucht Oma eine filterlose Gauloise. Thronend am Tischende. Sie schluckt den Rauch, er verschwindet in ihr, wie ein Film den man rückwärts laufen lässt.
Michu und sein Gebiss. Für uns Kinder nahm er es raus, wir lachten über die fehlenden Vorderzähne.
Noch weiter zurück: die Urgroßmutter. Oma Non non. Non Non sagte sie immer, wenn wir mit dem Lichtschalter spielten.. Non non...
Mit den Dorfkindern ganze Sommer lang Räuber und Gendarm, wie besessen. Ich weiß nicht mehr, wie wir uns verständigt haben. In der Erinnerung macht es keinen Unterschied zu den Spielen auf der Straße zu Hause in Deutschland.

Später, Momente mit Oma in der Küche. Sie legt mir eine Hand aufs Knie, zeigt auf Gegenstände, drängt mich, sie auf Französisch zu benennen. Eine Aufforderung, sich zu bekennen, gewissermaßen. Ich werde sperrig, weigere mich. Ähnlich meine Schwestern.
Wir beginnen Dinge in der Welt der Erwachsenen zu begreifen und hören zu.
Streit.
-Wieso sprichst du nicht Französisch mit ihnen?
Und am Tisch, war es schon immer so?
-Was hat sie gesagt?
-quesque-elle-a dit?
-Was ?
-Quoi ?
-Was ?

Dann die doppelte Staatsbürgerschaft. Wieso nicht, Mama ist unser Frankreich und wir lieben sie. Außerdem ein Exoten-Bonus im Portmoinnaie.
Pflichttermin in Hamburg. Ein französischer Offizier zeigt Videos von französischen Panzerfahrern und erzählt von der französischen Verfassung.
Am Anfang : Est-ce-que quelqu` un ne parle pas francais ?
Ist hier jemand, der kein Französisch spricht?
Keiner meldet sich, ich wollte gerade meinen Arm heben, als ich es merkte.
Ein bisschen was habe ich trotzdem verstanden.

Meine Oma möchte gerne, dass ich sie in Montpellier besuchen komme.
Ich habe meinen Französisch-Kurs abgebrochen und sage mir: keine Zeit.
Ich habe Angst vor ihrer Hand auf meinem Knie.

Und meine Französischlehrerin. Bevor die Ergebnisse der mündlichen Abiturzeugnisse verkündet wurden kam sie zu mir und sagte: Von dir hätte ich mehr erwartet. Mais alors, 13 Punkte, das reicht doch. Aber es reicht nicht aus, um einen französischen Ausweis zu rechtfertigen.


Was wird sein, wenn Mama stirbt? Todesanzeigen in zwei Sprachen?
Da sind die ganzen Verwandten in Frankreich.
Die ganze Sippe. Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen.
Der Kontakt besteht nur über meine Mutter, wir können ja alle kein richtiges Französisch.
Und sie erst recht kein Deutsch. Nicht mal Englisch.


Was ist dann, mit den Franzosen, den richtigen Franzosen?

Erzähle mir alles, maman, damit es nicht verschwindet und vergessen wird.
Ich habe doch immerhin einen französischen Pass. Und du maman, einen französischen Akzent.
Du bist doch unser Frankreich.
Wenn du mal tot bist, dann hat der Ausweis seine Gültigkeit verloren, ich werfe ihn dann in die Seine oder so und verschweige vielleicht, woher ich komme.